Liebe Schülerinnen und Schüler,
liebe Eltern,
herzliche Grüße am Ende der Herbstferien.
Nun gehen die Herbstferien zu Ende. Viele haben sich zu Hause erholt, andere haben Urlaub im Harz, im Bayrischen Wald, in Berlin oder einer anderen attraktiven Stadt verbracht, viele reisten auch in ferne, fremde Länder, ich hörte von Indien, Griechenland, Türkei, Spanien …
In dieser Zeit wurde unsere Schule Ort eines antisemitischen und staatsfeindlichen Aktes. In der Nacht vom 15.10. zum 16.10.2026 beschmutzten eine oder mehrere Personen die Wände mehrerer Schulgebäude mit Nazi-Symbolen und antisemitischen Parolen. Diese sind rechtlich verboten, sie stellen eine Straftat dar; der Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen. In der nachfolgenden Nacht wurden an einem anderen Schulstandort Eutins ebenfalls Nazi-Schmierereien angebracht. Auch in diesem Fall wird ermittelt.
Diese Verunstaltungen verurteile ich auf das Schärfste. Sie nutzen und verherrlichen Gedankengut der Nazi-Zeit und der Hitler-Diktatur. Die Nazi-Diktatur stellt die schlimmste, dunkelste Zeit der Geschichte auf dem Boden der heutigen Bundesrepublik dar. Wir alle wissen, dass das Hitler-Regime für den Tod von bis zu 75 Millionen Menschen verantwortlich ist, insbesondere sei im Zusammenhang mit den Schmierereien an unserer Schule auf die massenhafte und systematische Vernichtung von Menschen jüdischen Glaubens hingewiesen. Vor allem die Achtung der Menschenwürde, ebenso die Demokratie, die Meinungsfreiheit, die Rechtsstaatlichkeit, die Toleranz gegenüber jeglicher Glaubensrichtung und individueller, von der Nazi-Ideologie abweichender Lebensvorstellungen waren nicht gegeben.
Jegliche gedankliche Anleihe bei der Hitler-Diktatur und jegliche Nähe zu deren Menschenverachtung, Intoleranz, Rassismus und Antisemitismus, jegliche Verwendung von Nazi-Symbolen verbietet sich und ist verboten, moralisch, ethisch, politisch, historisch – wer sich denkend mit diesen Aspekten auseinandersetzt, verurteilt jede Form von faschistischen und neo-faschistischen Gedanken, auch jede Form von revisionistischen Versuchen und historischen Verkehrungen.
Ich bin zutiefst erschüttert über diese Nazi-Schmierereien in Eutin, ich bin auch entsetzt, dass diese (wieder) angebracht werden, ich bin wütend, auch darüber, dass unsere Schule hierfür missbraucht wird, und ich bin auch sehr traurig, dass wir als Gesellschaft nicht mehr aus der Geschichte zwischen 1933 und 1945 gelernt haben, es immer noch nicht besser wissen, und umsetzen.
Wir haben bei uns an der Schule in den vergangenen Jahren vielfach und weit über den Unterricht hinaus die Auseinandersetzung mit der Zeit zwischen 1933 und 1945, mit den Machenschaften des NS-Regimes und dem Völkermord ermöglicht und gemeinsam thematisiert. Herausragend waren dabei die offizielle Ausstellung zur Shoa der Gedenkstätte Yad Vashem an unserer Schule, ebenso die Anne-Frank-Ausstellung, die Lesung aus den Tagebüchern von Victor Klemperer, der Vortrag und die Diskussion mit einem der höchsten Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Schleswig-Holstein und das Alfons-Projekt, das mit dem Besuch der Veranstaltung „Jetzt noch deutscherer“ begann.
Es ist kaum zu ertragen, dass solche Nazi-Schmierereien möglich sind und stattfinden.
Unsere Gebäude wurden auch mit judenfeindlichen Worten und „Deutschland den Deutschen“ beschmutzt. Die Bedrohung, die insbesondere jüdische Menschen fühlen müssen, erfüllt mit Scham, ihnen gebührt unser Mitgefühl besonders.
Ich wünsche mir ein Deutschland
- mit Komponistinnen und Komponisten wie Felix Mendelssohn Bartholdy und Arnold Schönberg,
- mit Dirigenten wie Leonard Bernstein und Kurt Sanderling,
- mit malenden Künstlerinnen und Künstlern wie Max Liebermann und Felix Nussbaum,
- mit Theaterschaffenden wie Max Reinhardt und Kurt Weill,
- mit Filmschaffenden wie Fritz Lang und Ernst Lubitsch,
- mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern wie Else Lasker-Schüler, Mascha Kaleko, Anna Seghers, Heinrich Heine, Franz Kafka, Lion Feuchtwanger und Stefan Zweig,
- mit Architekten wie Paul Zucker, Fritz Block, Ernst Hochfeld und Erich Mendelssohn,
- mit Sportlerinnen und Sportlern wie Gretel Bergmann, Lilli Henoch und Alfred Flatow,
- mit Sportmanagerinnen und Sportmanager wie Kurt Landauer und Walther Bensemann,
- mit Psychologinnen und Psychologen wie Ruth Cohn, William Stern, Kurt Lewin und Erich Fromm,
- mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Emmy Noether, Lise Meitner, Albert Einstein, Paul Ehrlich, Max Born, James Franck und Fritz Haber,
- mit Wirtschaftsvertreterinnen und Wirtschaftsvertretern wie Mayer Amschel Rotschild, Emil und Walther Rathenau, Albert Ballin, Max und Siegmund Warburg, Leonhard Tietz und Oscar Troplowitz,
- mit Historikerinnen und Historikern wie Hans-Joachim Schoeps und Michael Brenner,
- mit Theologinnen und Theologen wie Regina Jonas und Martin Bonhoeffer,
- mit Journalistinnen und Journalisten wie Theodor Herzl und Josef Joffe,
- mit Philosophinnen und Philosophen wie Edith Stein, Martin Buber, Franz Rosenzweig, Hermann Cohen und Moses Mendelssohn,
- mit Politikerinnen und Politikern wie Rosa Luxenburg und Walther Rathenau.
Ich wünsche mir ein Deutschland mit Menschenwürde, voller Toleranz und Anerkennung, mit Humanismus und Klugheit, erfüllt von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft mit Mitgefühl und Empathie, Respekt und Toleranz, mit sozialer Verantwortung und Selbstbestimmung, mit Freiheit und Vernunft, mit Teilnahme und Engagement.
Herzliche Grüße
Dr. Thomas Eggers, OStD
Schulleiter
